Donnerstag, 14. April 2016

Interdisziplinär - Gewinnung einer Rohhaut

Der versprochene Axishirsch aus dem Tiergarten Schönbrunn ist für mich bereitgestellt und in Begleitung eines Fotografen beginne ich mit der Arbeit an dem Tier, das seine erste Lebenswoche leider nicht überstanden hat.
Zunächst muss die Haut des Tieres entfernt werden. Mit dem Messer löse ich die Haut vom Fleisch, meist ohne viel schneiden zu müssen. Eine Arbeit, die im Wesentlichen sehr an das Hantieren in der Küche mit einem angehenden Brathuhn verglichen werden kann.
Abziehen der Haut (Bild: A. Öcsi)
Nachdem der Hirsch so "aus seiner Decke geschlagen" wurde, bespreche ich mit Herrn Illek, dem Leiter der Abteilung für Präparation des Naturhistorischen Museums, weitere Schritte.

Dann wird die Haut eingesalzen und für 24 Stunden liegen gelassen. Ein Vorgang, der den folgenden "Feinschnitt" erleichtert, aber auch eine Zwischenlagerung über mehrere Tage hinweg ermöglicht, bevor mit dem nächsten Arbeitsschritt begonnen wird.

Einen Tag später wird die gesalzene Haut ausgewaschen und anschließend über einen hölzernen "Gerberbaum" gespannt, um die dünne Unterhaut mit einem Messer von kleinen Fleischresten zu befreien. Dieser "Feinschnitt" ist eigentlich eher ein Schaben und erinnert an das Abkratzen eines Papieretikettes von einem Glas. Dabei muss man aufpassen, nicht zu viel Kraft anzuwenden, um die Haut vor Löchern zu bewahren. Trotz der verhältnismäßig kleinen Haut ein Prozess, der etwa zwei Stunden in Anspruch nimmt.

Entfernen kleiner Hautreste, der Feinschnitt (Bild: A. Öcsi)
Herr Illek sieht sich das Ergebnis an und bestätigt mir, dass er auch nicht viel kürzer gebraucht hätte. Er sieht sich die blankgeschabte Rückseite an und konstatiert mir schmunzelnd "sehr saubere Arbeit, du kannst gleich bei uns anfangen!"

Um die Haut vor Fäulnis zu schützen und auch als Schauobjekt haltbar zu machen, wird sie zunächst in einem Gemisch aus chemischem Insektenschutzmittel und Wasser für zwei Stunden eingelegt und anschließend in einem Holzrahmen eingespannt. Dazu werden in die Ränder der Haut Schlitze geschnitten, an denen sie in einen Holzrahmen eingeschnürt und schließlich vollständig gespannt werden.
Ein vorbeieilender Ornithologe wirft mir einen etwas verwunderten Blick zu. In seinen Armen hält er achtsam und respektvoll das Präparat eines recht großen exotischen Vogels, dem er sich schließlich wieder widmet und seinen Weg fortsetzt.

Die fertig aufgespannte Haut (Bild: A. Öcsi)
Die Haut ist nun fertig aufgespannt und trocknet für mehrere Tage an der Luft. Als ich eine Woche später wiederkomme, ist aus der elastischen, weißen Haut ein halbdurchsichtiges steifes Material geworden. Meine Befürchtung, die Schrumpfung könnte ein Ausreissen der Schnürung bewirken, bestätigt sich zum Glück nicht.

Vor mir hängt ein sauber getrocknetes Stück Rohhaut. Die gesammelten Eindrücke ermöglichen mir in der Zukunft die Formulierung von Fragestellungen in Experimenten. Eine Frage wird kaum gestellt werden müssen: woher nahmen die Hallstätter eigentlich ihr Salz zum Bearbeiten der Rohhaut?
Anderen Fragen, wie die nach der Herstellung und Nutzung der Handleder, der Fingerlinge und der Ziegenbalgsäcke aus dem Salzbergwerk Hallstatt, werden uns da wohl vor größere Herausforderungen stellen. 
(von Daniel Breineder) 


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