Dienstag, 20. Oktober 2015

"Exkrementelle" Archäologie - Eine Sonderform der Experimentellen Archäologie

Ein Ritschert-Rezept von
Eckart Barth. (Bild: NHM Wien)
Vor kurzem wurde hier im Blog über Ritschert berichtet, jenen traditionellen Eintopf, mit dem sich Fritz Eckart Barth lange Jahre intensiv beschäftigt hat. Wir freuen uns sehr, dass uns Eckart heute einen kleinen Einblick in die allgemeine und in seine eigene Forschungsgeschichte gibt. (Die Redaktion)

Menschliche Exkremente gehören zu den immer wiederkehrenden Funden im Heidengebirge des Hallstätter Salzbergwerks. Die meisten stammen aus der Eisenzeit, es gibt aber auch welche aus der Bronzezeit. Zunächst wurden sie für Exkremente eines größeren Haustieres gehalten (Sacken 1868), aber bereits 1886 spricht O. Stapf von menschlichen Exkrementen. Genauere Untersuchungen dieser interessanten Funde führte Elise Hofmann in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts durch. Die Zusammensetzung aus Gerste, Hirse und Saubohne ist also seit langem bekannt.

Eckart Barth ist leidenschaft-
licher Koch. (Bild: Fam. Barth)

Ein neuer Forschungsansatz ergab sich Anfang der Siebzigerjahre, als das Hygieneinstitut der Universität Wien aufgrund einer APA Meldung begann, sich für „unsere“ Exkremente zu interessieren. Unter Horst Aspöck gelang es in der Folge aufgrund der erhaltenen Eier in fast allen Proben einen massiven Befall mit Spulwurm und Peitschenwurm festzustellen. 

Neuerlich ins Zentrum des Interesses rückten die Exkremente in den 1990er Jahren, als im Rahmen eines Forschungsprojektes des FWF großangelegte Untersuchungen im Kernverwässerungswerk durchgeführt wurden. Erstmals war es möglich, das abgebaute kernige Heidengebirge als Bodensatz des prähistorischen Baues an den Tag zu fördern und zu schlämmen. 

Dadurch konnten auch kleine und kleinste Fundstücke geborgen werden. Darunter befanden sich auffallend viele kleine Knochenfragmente, die als Reste von Schwein und Schaf/Ziege bestimmt werden konnten und als Nahrungsreste angesprochen wurden. Es war also gelungen, eine weitere Zutat der Althallstätter Hauptnahrung zu identifizieren. 

Eckart Barth wendete einige Mühe auf, um
hinter das prähistorische Rezept zu kommen.
(Bild: Fam. Barth) 
Da ich nach dem Urteil meiner Kinder Kochbücher lese wie andere Kriminalromane, sind mir die vier Zutaten Gerste, Hirse, Bohne und Schweinefleisch bekannt vorgekommen und ich habe sie bald als Zutaten des Ritschert  identifiziert. Ritschert ist ein deftiger Eintopf, der im Ostalpenraum von Bayern bis Slowenien als traditionelle Hausmannskost bis heute zubereitet wird. 

Daraufhin habe ich während einer ganzen Grabungskampagne meinen Mitarbeitern einmal pro Woche Ritschert zugemutet, um hinter die Rezeptur der alten Bergleute zu kommen. Mein dadurch gewecktes Interesse für Bohnen resultierte in einer kleinen Ausstellung, die unter dem Titel „Bohnengeschichten“ in Hallstatt, Wels und Wien gezeigt wurde. Als späte Nachgeburt erschien ein „Bohnenkochbuch“, das ich gemeinsam mit Frau Helmreich im Seifert Verlag herausgebracht habe.

Zu einsamer Spitze getrieben wurde die „exkrementelle Archäologie“ durch Mario Bertieri. Im Selbstversuch hat er sich wochenlang nur von Ritschert ernährt, seine Ausscheidungen gewissenhaft gesammelt, eingefroren und anschließend gefriergetrocknet. Die so erzeugten Koprolithen konnten dann mikroskopisch untersucht werden und so die alte Rezeptur viel genauer rekonstruiert werden, als ich es je gekonnt hätte.


Heute ist Ritschert ein fixer Teil vieler archäologischer Events geworden. Ob Ausstellungseröffnung, Lange Nacht der Museen oder Archäologie am Berg, Ritschert wird den Besuchern als Teil einer Erlebnisgastronomie angeboten.


(Von Fritz Eckart Barth)

Ritschert. (Bild: Fam. Barth)

Kommentare:

  1. Bitte den genannten bodensatz des kerngebirges nicht schlemmen sondern besser schlaemmen..;-)

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  2. Danke für den Hinweis. Wir haben es schon korrigiert - gerade bei diesem Post war das ein wirklich witziger Fehler :-D

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