Donnerstag, 29. Oktober 2015

Auf den richtigen Schwung kommt's an! - Abbauversuche im Salzberg

Welche Schlagtechnik dazu geeignet ist, die
vorhandenen Spuren aus der Bronzezeit
im Fels zu erzeugen, wurde experimentell
untersucht. (Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Aus dem Hallstätter Salzbergwerk und dessen näherem Umfeld sind uns Funde von bronzezeitlichen Pickelschäftungen und bronzenen Pickelspitzen bekannt, die für den Salzabbau eingesetzt wurden. Das Vorhandensein des Gezähes wirft auch Fragen zu dessen Verwendung auf.

In der Vergangenheit gab es Pickelversuche, bei denen der Pickel auf ähnliche Art und Weise wie ein modernes Bergeisen gehandhabt wurde. Dabei hat sich der etwa 1 Meter lange Stiel und der spitze Winkel der Pickelspitze zur Schäftung als unpraktisch erwiesen. Die Frage nach einer alternativen Arbeitstechnik stand im Raum.

Neue Ideen zur Pickelführung kamen von einem Fachkollegen, der auf eine südrussische Sensentechnik verwies. Diese unterscheidet sich zur
herkömmlichen Methode, indem man den Schwung aus der Hüfte holt, mit einer zusätzlichen Drehbewegung aus dem Handgelenk. Auf diese Art lässt sich die Länge des Werkzeugstiels sinnvoll einsetzen und auch der Winkel der Pickelspitze zur Schäftung macht mehr Sinn. So die Theorie.

Nun ging es daran die Theorie in die Praxis umzusetzen. In der Zeit vom 5. bis zum 9. Oktober bot sich die Möglichkeit, diese neue Arbeitstechnik im Salzbergwerk von Hallstatt zu erproben.

Anfänglich war die Bewegung sehr ungewohnt. Es war schwierig gezielt zu
Rekonstruktion eines Pickels aus dem Salzberg
von Hallstatt. (Bild: A. W. Rausch - NHM Wien)
treffen und größere Salzbrocken aus der Wand zu brechen. Die Ergebnisse der ersten beiden Arbeitsstunden waren nur Kratzer an der Ulm und Salzstaub. Nach einiger Zeit stellte sich ein guter Arbeitsrhythmus ein und die Schläge wurden präziser. Die Pickelführung erfolgte in einer Bogenbewegung von rechts unten nach links oben. Bei der Handstellung am Stiel war die linke Hand in supinierter Position am unteren Ende der Schäftung und die rechte Hand in pronierter Position im oberen Viertel des Pickels, nahe der Spitze.
Diese Form zu Arbeiten belastete die Daumenwurzel der rechten Hand sehr.
Zusätzlich wurde an der rechten Hand ein „Handleder“ verwendet, wie man es ebenfalls aus Hallstätter Bergwerksfunden kennt. Dies erwies sich als sehr nützlich. Es schonte die rechte Handfläche enorm im Vergleich zur Linken und gab einen guten Grip am Stiel. Getragen wurde das „Handleder“ mit der Fellseite der Schäftung zugewandt.


Die Pickelspitze musste ca. alle 2 Stunden nachgeschärft werden, da sie sonst nur schlecht Halt auf der glatten Salzoberfläche fand. Wichtig war dabei, nach dem Schärfen, kurze Zeit nur mit leichten Schlägen zu arbeiten. Erst durch die geringe Beanspruchung erreichte die Bronze eine Härte, die ein sofortiges Deformieren der Spitze verhinderte. Nach dieser kurzen „Aufwärmphase“ konnte man wieder wie gewohnt weiterarbeiten. Hat man mal eine Rille begonnen, ist die Schärfe des Pickels nicht mehr so wichtig, da die nachfolgenden Schläge automatisch in die Rille rutschen und diese vorantreiben.


Zeitgleich zum Abbauversuch, fanden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der
Spuren vom Salzabbau im Fels.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
archäologischen Ausgrabung Abbauspuren auf der Originaloberfläche der prähistorischen Stollenwände. Diese Spuren, annähernd senkrecht verlaufende parallele Rillen, machen eine Pickelführung von oben nach unten wahrscheinlich. Am dritten Tag des Experiments galt es nun die bisherige Arbeitsbewegung so zu modifizieren, dass der Schlag von oben kommt, um Arbeitsspuren ähnlich den bronzezeitlichen zu erzeugen.

Wieder war ein Umdenken notwendig. Wieder wurden verschiedene Handpositionen und Pickelbewegungen ausprobiert. Auch diesmal waren die Bewegungen ungewohnt. Aber erneut folgte die Anpassung. Ein Positionswechsel der linken Hand von supiniert zu proniert brachte eine höhere Trefferquote mit dem Pickel. Gearbeitet wurde wieder mit dem Schwung aus der Hüfte. Zusätzlich fand eine Pendelbewegung mit der Pickelspitze bei jedem Schlag statt, begünstigt durch das Gewicht der Bronzemasse. Sinn der Pendelbewegung war, keine Kraft dadurch zu verschwenden, die Pickelspitze in horizontaler Position zu halten. So konnte sie nach jedem Schlag einfach senkrecht hängen. Zusätzlich hatte es den Anschein, als würde diese Bewegung den Schlag wuchtiger machen.

Ein weiterer Vorteil dieser Methode im Gegensatz zum Arbeiten mit Schlägen von unten war, dass es auch deutlich schonender für die rechte Daumenwurzel war, da sie die Wucht der Schläge nicht mehr abfangen musste. Zusätzlich flog das Salz nicht unkontrolliert in alle Richtungen davon, sondern fiel in den meisten Fällen vor mir zu Boden, was das Einsammeln erleichtert. Die neuen Arbeitsspuren waren den bronzezeitlichen nun sehr ähnlich. Auch die Enden der Abbaurillen wiesen vergleichbare Bruchkanten auf. Es folgten noch einige Versuche, zwei parallele Rillen anzulegen und das Kernsalz dazwischen herauszubrechen, bei denen Zeit und Ausbeute gemessen wurde.

Am Ende des fünftägigen Abbauexperiments fühlte sich die neue Pickeltechnik weder ungewohnt, noch unpraktisch an und es war ein sinnvolles Arbeiten möglich - zumindest von Hüft- bis Kopfhöhe. Nach über 20 Stunden am Bronzepickel ist ein Einstieg in die bronzezeitliche Pickeltechnik erfolgt. Ich freue mich auf die Fortsetzung der Versuche nächstes Jahr mit der Technik der Hallstattzeit (Schlögel-Eisen).



(Von Christoph Jezek)

Die Versuche zur Pickelführung in der Bronzezeit brachten erstaunliche Ergebnisse.
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)

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