Donnerstag, 18. Juni 2015

Bast so! - Auf Biegen und Brechen in der TU Chemnitz

Das Institut für Fördertechnik und
Kunststoffe der TU Chemnitz.
(Bild: H. Reschreiter - NHM)
Heute war der große Tag: Der Test unserer selbstgedrehten Seile stand an. Dazu reisten wir an die Technische Universität Chemnitz. Das Institut für Fördertechnik und Kunststoffe entwickelt und testet normalerweise Faserseile, die in Bergbau und Industrie eingesetzt werden. Unsere Rekonstruktionen der über 3000 Jahre alten Seile aus dem Hallstätter Salzbergwerk sollten dort dieselben Strapazen durchlaufen, wie moderne Förderseile. Für die Kolleginnen und Kollegen der TU war der Termin daher ebenso ungewöhnlich wie für uns. Bei unserer Ankunft in den Prüfräumen der TU war schon alles für die Tests vorbereitet; sowohl das dicke Bastseil als auch eines der dünneren Seile waren schon in die Prüfapparaturen eingespannt. 

Frank Findeiß von echtzeitMEDIA beim
Einrichten der Kameras.
(Bild: H. Reschreiter - NHM)
Nachdem der Versuchsaufbau besprochen war, die Prüfmaschine programmiert und alle Kameras von EchtzeitMedia eingerichtet waren, startete der erste Test. Der Schlitten mit dem Seil setzt sich in Bewegung. Man hörte das Knistern der Bastfasern und das Seil wurde immer länger – und dann bei über 600 Kilogramm Belastung riss der erste Strang. So jetzt war es kaputt. Natürlich waren wir gespannt auf die Ergebnisse der Tests, aber diese unumgängliche Zerstörung zu beobachten fiel uns schon ein wenig schwer. Immerhin hatten wir zwei Tage dazu benötigt, um unsere sorgfältigen Rekonstruktionen herzustellen. Beim Reißen knallte es richtig laut. Sofort wurde das nächste Seilstück eingespannt. Dieses brachte es auf knapp 860 Kilogramm. Das letzte noch verbliebene Stück des Seiles ging dann im dritten Versuch bei rund 500 Kilogramm zu Bruch. Obwohl unsere Seilrekonstruktion etwas dünner ist als das Original aus Hallstatt und wir es auch nicht geschafft hatten, sie so regelmäßig zu schlagen, erreichte sie bei den Tests also eine beachtliche Festigkeit.

Nachdem von unserem dicken 9m lange Seil nur noch kurze Stückchen übrig waren, ging es an den Test des dünnen Seiles. Auf der Wechselbiegemaschine waren 500 N (das entspricht ca. 50 Kilogramm) Belastung voreingestellt. Der Test sollte das Verhalten des Seiles unter dynamischer Belastung charakterisieren. 6 Mal pro Minute wurde das Seil hin und zurück über eine Rolle mit 15 cm Durchmesser gelenkt. Nach über 300 Biegezyklen waren noch überhaupt keine Abnutzungsspuren zu erkennen. Da absehbar war, dass das Seil noch längere Zeit den Belastungen würde standhalten können, ließen wir die Prüfmaschine weiter daran arbeiten und traten die Rückreise nach Wien an. Wir sind neugierig wie viele Zyklen es letztendlich überstehen wird. Die Kollegen der TU Chemnitz werden uns das Ergebnis mitteilen, sobald es feststeht. (Anmerkung der Redaktion: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogposts hält das Seil noch immer den Belastungen stand.) Jetzt schon ist klar, dass die Bastseile sehr gut zur Verwendung über Rollen und mit Haspeln geeignet sind.



(Bilder: F. Findeiß - echtzeitMEDIA)

Einmal mehr kommen wir also mit neuen Fragen ins Naturhistorische Museum nach Wien zurück: Das Seil, das wir im Bergwerk von Hallstatt gefunden haben, muss noch immer eine Bruchlast von mehreren Hundert Kilogramm aufweisen. Was also hat die Bronzezeitler bewogen, es im Betriebsabfall liegen zu lassen? Waren die Lasten, die sie durch die Schächte transportierten so groß, dass die Verwendung nicht mehr möglich war? Wollte man nicht riskieren, dass beim Herunterlassen eines langen dicken Grubenholzes, das Seil reißt und ein Teil der Schachteinbauten durch das herabstürzende Holz zerstört wird? 

Zum gesamten Vorgang der Herstellung des Seiles, von der Basternte bis zur fertigen Rekonstruktion und den Test an der TU ist ein Kurzfilm in Vorbereitung. Er wird gemeinsam mit einem Teil der beim Testen zerrissenen Seilrekonstruktion und dem Originalseil aus dem Bergwerk in der Sonderausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz ab dem 2. Juli 2015 zu sehen sein – und natürlich ein wenig später auch hier im Blog.



(Von Hans Reschreiter)

Die Reste unseres rekonstruierten Seiles.
(Bidl: H. Reschreiter - NHM Wien)

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