Dienstag, 7. April 2015

Kleider machen Leute – Die Rekonstruktion von Bekleidung und Haartracht

Diese Darstellung einer bronzezeitlichen
Familie beruht auf vielen Stunden
Forschungsarbeit. (Bild: Ilja Slamar
- Scenomedia)
Wenn die Besucherinnen und Besucher der Salzwelten Hallstatt Udlo und seiner Familie im Bronzezeit-Kino zukünftig beim Salzabbau zuschauen, werden sie es wahrscheinlich kaum erkennen können, doch hinter jedem einzelnen kleinen Detail, das diese Familie ausmacht, stecken unzählige Überlegungen und Theorien und viele Stunden Arbeit.

Udlo und seine Familie stehen als Menschen vor uns, die sich von den Menschen der heutigen Zeit vor allem durch ihre Kleidung und ihre Kopfbedeckungen unterscheiden. Die Frisuren der Figuren und bei den Männern auch die Bärte können wir hingegen in ganz ähnlicher Form auch heute noch auf der Straße sehen. Ob eine Familie, die vor 3500 Jahren in Hallstatt gelebt hat, wirklich so ausgesehen hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Bildliche Darstellungen, aus denen wir das ableiten könnten, gibt es in der Bronzezeit nicht. 


Frauen- und Männergrab von
Borum Eshoj in Dänemark, Mann,
1348 v. Chr. (Bild: V. Boye,
Fund af Egekister fra
Bronzealdern i Danmark.
Kjøbenhavn 1896, Taf IX)
Es sind zwar einige komplett erhaltene Kleider bekannt - jene aus Baumsärgen, die z. B. in Dänemark gefunden wurden oder aus Mooren – aber es gibt kein einziges Stück, das vollständig erhalten in unserer Region gefunden worden wäre. Wir wissen, dass die Menschen, die damals im Norden lebten, sich von den Menschen im damaligen Hallstatt kulturell unterschieden haben. Zwar dürfen wir aus guten Gründen annehmen, dass es Ähnlichkeiten in der Bekleidung gab, aber wie groß die genau waren, lässt sich kaum mit Bestimmtheit sagen. Wer unseren Blog schon länger verfolgt oder unsere Website kennt, der weiß, dass gerade das Bergwerk in Hallstatt für seine Textilfunde bekannt ist. Im Salz haben sich die Stoffe nämlich besonders gut erhalten, sie sind auch noch farbig und elastisch. Da es aber nur kleine Stückchen sind, die als Fetzen im Bergwerk wiederverwendet wurden, können sie uns über das Aussehen der intakten Gewänder nicht alles verraten. 

In wissenschaftlichen Publikationen können Archäologinnen und Archäologen die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Rekonstruktion zeichnerisch nebeneinander stellen und genau erklären, was sie warum für wahrscheinlich halten. Wenn es aber darum geht, die Kleider für Udlo und seine Familie zu entwerfen, müssen sie sich auf eine Variante festlegen. 
Frauen- und Männergrab von
Borum Eshoj in Dänemark,
Frauengewand.(Bild: V. Boye,
Fund af Egekister fra
Bronzealdern i Danmark.
Kjøbenhavn 1896, Taf XI)

Tatsächlich wissen wir nicht genau, welche Farben die Gewänder zum Beispiel hatten, die die Bergleute bei ihrer Arbeit getragen haben. Wir wissen nicht einmal, welche Stoffqualität diese  Kleider hatten. Wir gehen davon aus, dass es stabilere, dickere Stoffe gewesen sind, die haltbar waren, aber sicher können wir auch hier nicht sein.


Worüber wir überhaupt nichts wissen sind die Codes, die es zum Thema Kleidung in der Bronzezeit gab. Darunter versteht man zum Beispiel die Möglichkeiten der Kombination von verschiedenen Stoffen, Mustern und Farben. In unserer Gesellschaft gibt es zum Beispiel verschiedene Stoffe, rosafarbene oder auch dunkelblaue und verschiedene Kleidungsformen wie Kinderkleider oder Herrenanzüge. Die gesellschaftlichen Codes legen fest, aus welchen Stoffen ein bestimmtes Kleidungsstück gefertigt wird. So  ist es eher unüblich, dass ein Mann einen rosafarbenen Anzug trägt. Solche Codes könnte es auch in der Bronzezeit gegeben haben, aber wir würden sie nicht kennen. 

Auch hinsichtlich der Accessoires ist so etwas denkbar: Ein Nietengürtel würde in der heutigen Zeit wohl nur in Ausnahmefällen zu einem Abendkleid getragen werden, eben gerade um gegen einen solchen Code zu rebellieren.

Ethnografische Vergleiche mit anderen vorindustriellen Gesellschaften, die es auch heute noch gibt, helfen uns bei manchen Fragen weiter. Auch die Stoffreste und Kleidungsbestandteile wie z. B. Befestigungsnadeln, die wir in Gräbern finden, können uns ein wenig dazu verraten. 

Männergewand aus der dänischen Bronzezeit
(Bild: K. Grömer - NHM Wien)
Wir wissen zum Beispiel, dass es spätestens ab der Frühbronzezeit (also ungefähr ab 2000  v. Chr.) unterschiedliche Kleidung für Männer und Frauen gab.

Aus den Gräbern stammen auch unsere Hinweise auf die Haarmode, zumindest für die Frauen. In vorindustriellen Kulturen haben Frauen in der Regel lange Haare – zumindest in jenen Kulturen, in denen es die Beschaffenheit der Haare erlaubt. In den bronzezeitlichen Gräbern finden wir oft aufwendige gestaltete Hauben und Spiralen zum Befestigen von Zöpfen. Wenn man aufwendige Varianten von Zopffrisuren in Gräbern findet, dürfte es zumindest die einfacheren Versionen von Zopffrisuren im Alltag gegeben haben.
Rekonstruktion einer
bronzezeitlichen
Frauenkleidung,
Model: Helena Novak.
(Foto: 7reasons).
 

Die Frauen unserer bronzezeitlichen Familie würden während der Arbeit die Haare wohl kaum offen getragen haben, deshalb haben wir jede von ihnen mit einer unterschiedlichen Frisur oder Kopfbedeckung gezeigt. In wie weit unser Bild tatsächlich stimmt, werden wir niemals wissen. Selbst wenn wir eines Tages im Hallstätter Salzberg verschüttete Bergleute finden würden, die sich ebenso wie die Stoffe dort perfekt erhalten hätten, könnten wir nicht ganz sicher sein, ob wirklich alle Bergleute in Hallstatt die gleiche Kleidung, Kopfbedeckungen und Frisuren getragen hätten.

Wir haben also sehr genau überlegt, welche Stoffe Udlo und seine Familie tragen sollen und in welcher Farbe diese am wahrscheinlichsten gehalten wären, welche Gürtel in Frage kommen und wie die angelegt wären, welche Kleidungsstücke für diese Umgebung anzunehmen sind und welche Länge die haben sollen und Vieles mehr. Wir haben die Familie so exakt gezeichnet, wie es uns möglich war. Ob die Bergleute der Bronzezeit aber wirklich so ausgesehen haben, das wissen wir nicht und vermutlich werden wir das auch niemals exakt wissen.
 


(Von Karina Grömer und Carmen Löw)

Bronzezeitliche Textilien aus dem Hallstätter Salzberg. (Bild: A. Rausch - NHM Wien)

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