Dienstag, 18. März 2014

Stufe für Stufe

Erste Erkenntnis eines Neulings auf der Grabung im Hallstätter Salzberg: auch Bergwerksgrabungen sind – entgegen weit verbreiteter Vorurteile - mehr als brachialer Vortrieb!
Nicht, dass es nicht dazugehören und bestimmt auch Spaß machen würde, sich in der Maulwurfperspektive mit einem Schrämhammer durch den Berg zu wühlen. Aber die Gelegenheit, eine über 3000 Jahre alte Holztreppe in all ihren Einzelheiten zu betrachten und zu dokumentieren, ist mir persönlich dann doch der angenehmere Einstieg in die archäologische Welt Hallstatts.

Das Team rund um die "Erstversorgung" der Stiegenteile, 2013 ©NHM - A. Rausch
So finde ich mich mit den Kollegen im alten Lokschuppen vor dem Kaiserin-Christina Stollen wieder, wo wir die aus dem Berg geholten Einzelteile der bronzezeitlichen Stiege von allen Seiten fotografieren und Auffälliges dokumentieren.

Der Lockschuppen vor dem 
Kaiserin-Christina-Stollen, 2013 ©NHM - A. Rausch
Besonders anfangs ist der Respekt vor den zu bearbeitenden Stufen noch fast übermäßig. Jedes Stückchen Holz oder Rinde, jeder Brösel der sich von den Stiegenteilen löst, verursacht schwere Gewissensbisse. Wieder einmal drängt sich die Erkenntnis auf, dass Erforschung, Beobachtung und Dokumentation nicht möglich sind, ohne etwas zu verändern und vielleicht auch zu zerstören. Umso wichtiger ist die genaue Dokumentation, nicht nur der großen Stiegenteile, sondern auch der abbröselnden Sediment- und Holzstückchen.

Von Standardisierung der Dokumentation war anfangs noch wenig zu sehen, umso größer aber das Bestreben aller Beteiligten, das gesamte Prozedere stetig weiterzuentwickeln und auszubauen.

Nächste wichtige Erkenntnis: verwende einem Restaurator gegenüber niemals die Worte „Reinigung“ oder „sauber“ wenn du von seiner Arbeit sprichst. Nebenwirkungen könnten blankes Entsetzen, ein blutendes Restauratorenherz und verachtende Blicke sein.
Die Freilegung (!) der Auftritte und Distanzbretter, also die Entfernung der zusammengepressten Sedimentschicht, lassen den Respekt vor diesem Meisterwerk prähistorischer Ingenieurskunst weiter wachsen.

Stiegenauftritt vor der Freilegung, 2013 
©NHM - A. Rausch
Erst nach und nach wird mir bewusst, wie viel Information man aus diesen Stücken ziehen kann. Abnützungsspuren (welche Teile der Stiegenbretter wurden besonders beansprucht?), Kerben (vielleicht sogar Markierungen?), Hackscharten (welches Werkzeug wurde verwendet?), Abdrücke der Unterkonstruktion, nachträgliche Bearbeitung im Berg, Spuren der Entästung, Rückstände von Kleidung, Haaren und Gebrauchsgegenständen... Und das sind nur die offensichtlichen Dinge die einem ins Auge springen. Wer weiß, was die weiteren Untersuchungen alles aufzeigen werden?

Für mich war deshalb die Entscheidung umso überraschender, nur einen Teil der Bretter freizulegen und genauer zu untersuchen. Zumindest die Oberseite bleibt vorerst im Originalzustand, um auch späteren Generationen von Archäologen, mit weiterentwickelten Methoden die Möglichkeit zu geben, ihre Erkenntnisse daraus zu ziehen (und unsere zu erweitern oder zu widerlegen).

Bei dieser Vorstellung muss ich mich selbst mal wieder daran erinnern, dass das, was wir mit den Archäologen von der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museum hier tun, in vielen Aspekten eine Premiere ist. Ein weiterer Antrieb, so sorgfältig und detailliert wie möglich zu arbeiten, unsere Vorgehensweisen manchmal auch kritisch zu betrachten und offen für neue Einflüsse und Methoden zu bleiben.

(Von Fiona Poppenwimmer)

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