Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wie alles begann...


Diesen Titel einer aktuellen Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum in Wien nehme ich zum Anlass, über die Anfänge der Grabungen im Salzbergwerk Hallstatt zu plaudern. Seit ich vor 16 Jahren die Leitung dieses archäologischen Abenteuers an Hans Reschreiter übergeben habe, hat sich viel verändert.
Gustav Mahr beim Freilegen des ersten Tragsackes
(Bild: F.E. Barth - NHM Wien)
Dabei waren die Anfänge mehr als bescheiden. Zunächst nur durch Subventionen des Bundesdenkmalamtes finanziert, dauerten die ersten Kampagnen gerade einmal zwei bis drei Wochen. Gegen Refundierung der Kosten wurden ein bis höchstens vier Bergleute unter Aufsicht des zuständigen Reviersteigers von der Betriebsleitung des Bergwerkes zur Verfügung gestellt.

Damals, in den frühen Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, waren auch die Möglichkeiten der Salinenverwaltung sehr eingeschränkt. Ich erinnere mich, dass es nicht möglich war, der Grabung eine Schiebetruhe zur Verfügung zu stellen und vom Museum eine angekauft werden musste.

Während der ersten Kampagne wurde noch im Tal gewohnt – im Konsumgasthof wo heute die Tauchschule Zauner untergebracht ist. Über dem daneben liegenden Konsumsaal – dem heutigen Sportgeschäft Janu – befand sich das Matratzenlager. Die Leitung der zweiten Kampagne, die März/April 1963 durchgeführt wurde, lag in den Händen von W. Angeli, der es trotz winterlicher Verhältnisse vorzog, im Salzbergtal zu wohnen. Das bedeutete immerhin eine Stunde länger schlafen, weil die Grubeneinfahrt über den Schacht etwa so lange dauerte. Grabungsquartier war ein Raum im Steigerhaus mit Herd, einem Tisch mit vier Sesseln und einem Bett. Um es etwas wohnlicher zu haben, habe ich im nächsten Jahr Vorhänge und einen Lampenschirm privat angeschafft.

Da ich mich in der Abgeschiedenheit des Salzbergtales selbst versorgen musste – die Anfänge meiner Kochleidenschaft -  habe ich ein paar Teller, Besteck, eine Pfanne und einen Topf auf Grabungskosten angekauft – mit ungeahnten Konsequenzen. Der Ankauf musste dem Denkmalamt gegenüber ausführlich begründet werden um den Verdacht der zweckwidrigen Verwendung der Fördermittel zu entkräften. Nach jeder Saison musste alles – in einer Schachtel verpackt – auf dem Dachboden verstaut werden.

Um die Fremdenbefahrung nicht zu behindern, musste die Grabung nach Ende der Saison durchgeführt werden. Das bedeutete, dass die Seilbahn nur für Betriebsfahrten zur Verfügung stand – und am Wochenende überhaupt nicht.

Im Jahre 1974 erfolgte ein Quantensprung der Grabungen in Hallstatt. Der verfallende Stall des Häuerhauses wurde von mir privat gepachtet und instand gesetzt. In den folgenden Jahren stand er als Grabungsquartier zur Verfügung. Allerding hatten wir kein elektrisches Licht und keine Duschen, aber das wurde in Kauf genommen.

Die Hütte Barth im Schatten des Häuerhauses (Bild: G. Mahr)
Hatte ich bis 1980 alleine die Grabungen geleitet, die Funde versorgt und die Dokumentation besorgt, so bekam ich ab dann große Unterstützung durch Gustav Mahr. Auf den Spuren seines Vaters Adolf, der 1926 die erste moderne Grabung im Bergwerk durchgeführt hatte, war er nach Hallstatt gekommen.

Und er sollte bis 1993 unersetzlicher Teil der Grabungsmannschaft bleiben – und das unentgeltlich. Die Bedingungen habe ich in einem Brief vom 31.7.1981 so formuliert: "Harte Arbeit ohne Lohn, bescheidene Unterkunft, mäßiges – dafür ungesundes weil fettreiches - Essen , schöne Gegend aber schlechtes Wetter. Wenn Sie trotzdem kommen wollen, sind Sie selber schuld." Gustav kam und wurde zu einem wertvollen Mitarbeiter und väterlichen Freund.


Im Jahre 1984 erfolgte der nächste Quantensprung der Hallstattforschung vor Ort. Die Finanzierung durch Drittmittel war allgemein üblicher geworden und es gelang ein Projekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung zu realisieren, tatkräftig unterstützt durch Steiger H. J. Urstöger und Betriebsleiter M. Hoscher. Das Grünerwerk, eine seit 1911 bekannte Fundstelle des bronzezeitlichen Bergwerkes, wurde wieder zugänglich gemacht und soweit abgesichert, dass in den folgenden Jahren Forschungsgrabungen möglich waren.

Der dadurch enorm gesteigerte Arbeitsanfall konnte nichtmehr von mir alleine bewältigt werden und es mussten Studenten des Faches Ur- und Frühgeschichte angeworben werden, die als Praktikanten von der Saline angestellt wurden.
Der nächste große Schritt erfolgte im Jahre 1995, als es gelang, den oberen Stock des Maria-Theresia-Mundlochgebäudes als Grabungsquartier zu erobern. Nach der Adaptierung durch die Saline erfüllte es mit Badezimmer, Wohnküche, Schlafraum mit acht Betten, Chefzimmer und zwei Räumen für die experimentelle Archäologie alle unsere Träume. Meine private Hütte wurde entlastet und die Weichen für die weitere, von mir unabhängige Entwicklung waren gestellt.

Aufgrund meiner bevorstehenden Pensionierung stand die Grabung 2000 schon unter der Leitung von Hans Reschreiter, der seit 1989 Mitglied der Grabungsmannschaft war.
Da ich seit damals die Freude habe, die Grabungsmannschaft in unserer Hütte zum Nachtmahl zu begrüßen, bin ich über die Entwicklungen bestens und aus erster Hand informiert. Mit Freude und Genugtuung sehe ich, wie sich die Grabungen unter Hans weiterentwickelt haben und heute mit modernsten Methoden und in nie erhofftem Umfang weitergeführt werden.
von Fritz Eckart Barth

Das Steigerhaus am Hallstätter Salzberg - erstes Grabungsquartier im Hochtal
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)

Mittwoch, 9. November 2016

Schwein gehabt! On Screen

Endlich ist es so weit! Das im September 2015 gefilmte Material zum Kochen und Essen des Hallstätter Ritscherts ist fertig geschnitten, bearbeitet und wird am 20.11.2016 im Rahmen der Sendung "Unter unserem Himmel" des Bayerischen Rundfunks um 19:15 Uhr ausgestrahlt.

Matthias Supé schlägt in der Folge mit dem Titel "Kochgeschichten - Rund um den Kochlöffel" den Bogen vom zweieinhalbtausend Jahre alten Kochlöffel aus Hallstatt, zu modernen Köchinnen und Köchen, die auch gerne auf traditionelle Geräte zurückgreifen, bis hin zu kuriosen Sammlerstücken.
Die Spannung steigt, wer vorher nochmal zu den Dreharbeiten und dem Versuch dahinter nachlesen möchte, findet hier den Blogpost "Schwein gehabt!".

 von Fiona Poppenwimmer

Die Dreharbeiten des Bayerischen Rundfunks zum Ritschert aus Hallstatt
(Bild: M. Grabner - NHM Wien)

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Auf Ramsauers Spuren - Anno domini 1846



Übersichtszeichnung der Gräber aus
Ramsauers "Protokollen" (NHM Wien)
Im November 1846, also vor genau 170 Jahren, wurde erstmals der Friedhofcharakter des Gräberfeldes Hallstatt erkannt. Obwohl schon lange vor Johann Georg Ramsauer im Salzbergtal über Hallstatt prähistorische Gegenstände geborgen wurden, ja sogar systematisch nach ihnen gesucht wurde, gilt er als der eigentliche Entdecker des Gräberfeldes. 

In seinem, in zahlreichen Abschriften erhaltenen Grabungsbericht, den sogenannten Protokollen, schreibt er darüber:

Der Verfasser kam auf dieselbe Weise, nähmlich durch Öffnung einer Schottergrube im November 1846, womit ein zerstörtes Sckelet gefunden, zur Aufdeckung des Leichenfeldes, und zwar damit, dass er gleich im seinem Beisein und mit aller Sorgfalt einen Flächenraum von 4 Klafter aufgraben ließ, womit er nach einiger Zeit so glücklich war, gleich sieben Sckelete mit einigen Schmucksachen zu treffen, und bald darauf sah er zugleich durch die Lage der Sckelete, die alle in zimlich gleicher Richtung, das Gesicht gegen Sonnenaufgang gewendet, durch die gestreckte Lage des Körpers, die Hände nach dem Leib oder an der Brust einen ordendlichen Begräbnisplatz erkennen ließ, und so forschte der Verfasser noch
eifriger fort.
Originalzeichnung der Gebrüder
Lindenschmit und die Kopie, die
Ramsauer anfertigen ließ (NHM Wien)
Es folgten 18 äußerst erfolgreiche Grabungsjahre mit sensationellen Funden, die bekanntlich dazu führten, dass eine ganze prähistorische Kultur Hallstattkultur genannt wird. Aber es war kein Zufall, dass Ramsauer den „Altertumsfunden“ gegenüber eine andere Einstellung hatte, als seine Vorgänger. 

Am 26. Juni 1846 hatte die k. k. oberennsische Landesregierung eine Kundmachung veröffentlicht, in der der Umgang mit archäologischen Funden geregelt wurde. Als Bergmeister war Ramsauer k. k. Beamter und hatte daher unmittelbaren Zugang zu amtlichen Erlässen und war zu deren Beachtung verpflichtet.

In den ersten Jahren wurde Ramsauer vom Linzer Museum Francisco Carolinum, dem heutigen Oberösterreichischen Landesmuseum, betreut. Bereits im Sommer 1847 wurde der „ständige Registrant“ Georg Weishäupl nach Hallstatt geschickt. Dieser war offensichtlich sehr erfahren und ein guter Zeichner. Von ihm hat Ramsauer wohl die Art seiner Dokumentation gelernt.

Beispielgebend wurde bald das wegweisende  Werk der Gebrüder Lindenschmit, "Das germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen", das 1848 erschienen ist. Offensichtlich war der Erwerb eines Exemplares für Ramsauer unerschwinglich und er ließ eine
handschriftliche Kopie anfertigen. Um fünf Gulden konnte die Prähistorische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien aus dem Nachlass Ramsauers von dessen Schwester diese Abschrift erwerben.

Bemerkenswert ist, dass auch die Darstellungen der Grabsituationen penibel kopiert wurden. Unverkennbar ist die Vorbildwirkung der farbigen Abbildungen für Ramsauers Dokumentation. Einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, Isidor Engl, der die Arbeit Ramsauers nach dessen Pensionierung weiterführte, war ein sehr begabter Schüler.

Obwohl er nicht der Einzige war, der im Auftrag Ramsauers Zeichenarbeiten ausführte, ist nur er im Bewusstsein der wissenschaftlichen Nachwelt verankert.

von Fritz Eckart Barth

Kundmachungen der k.k. oberennsischen Landesregierung (NHM Wien)

Donnerstag, 22. September 2016

Einen Kilometer lang und gelb...


Anlieferung des Materials ins Hallstätter Salzbergwerk
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
...das sind die Messkabel des Instituts für Geophysik der Geologischen Bundesanstalt. Und am Montag war es nach mehreren Jahren Vorbereitung endlich soweit, dass mehrere Rollen dieser Messkabel, zig rostfreie Elektroden, Messgeräte und Laptops ins Bergwerk Hallstatt geliefert wurden.

Und warum machen wir das? Alle bekannten prähistorischen Fundstellen im Hallstätter Salzberg wurden während der letzten Jahrhunderte zufällig durch Bergbautätigkeit entdeckt. Die meisten dieser Fundstellen gehören zu ursprünglich riesigen Abbaukammern. Kammergrößen von über 150 Meter Länge, bis zu 20 Meter Höhe und über 30 Meter Breite sind nachgewiesen.

Die geoelektrische Messung konnte bisher den nur
vermuteten Einsturztrichter bestätigen
(Bild: D. Ottowitz - GBA)
Durch unsere Forschungsstollen können wir aber nur kleine Teile dieser prähistorischen Bergbaue untersuchen. Auch der Abbauraum, in dem wir die bronzezeitliche Holzstiege entdeckt haben, ist bisher erst zum Teil erforscht.

Wir wissen zwar, dass die Bergleute vor 3000 Jahren einen Raum mit bis zu 25 Metern Breite aus dem Salz geschrämt haben, konnten aber die Längsausdehnung noch nicht feststellen – unsere Forschungsstollen haben nach 50 Metern immer noch kein Ende erreicht.

Auch die Dimension und Richtung der Verbindungsschächte in die darüber und darunter gelegenen Abbaukammern ist noch nicht geklärt. Genauso interessiert uns brennend, wie dick die Decken (im Bergbau Schwebe genannt), zwischen den Abbauräumen sind.

Da all diese Fragen mit Hilfe unserer Forschungsstollen nur bedingt zu beantworten sind, sind wir seit Jahren auf der Suche nach Techniken, die es ermöglichen, den Berg zu „durchleuchten“.

Da die Geologische Bundesanstalt immer wieder am
Kilometerlange Kabel werden ab den
eingeschlagenen Elektroden befestigt
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Hallstätter Salzberg arbeitet und mit Hilfe von geoelektrischen Tiefenprofilen den Boden des Salzbergtales untersucht, entstand schon vor Jahren ein regelmäßiger Kontakt – und die Idee von ersten geoelektrischen Testmessungen im Bergwerk.

Diese ersten Tests verliefen 2014 positiv und es konnte im selben Jahr an der Oberfläche jene Pinge entdeckt werden, die durch den Tagmaterialeinbruch entstand, welcher um 1000 v. Chr. die Stiege verschüttete und den Bergbau vorübergehend zum Erliegen brachte. Nach diesen positiven Erfahrungen wurde der Entschluss gefasst, einen ersten großflächigen Test im Salzberg zu starten.

Die Vorbereitungen dafür waren vielfältig: nach dem Sicherstellen der Finanzierung ging es an die Planung – die geeigneten
Die Messungen der GBA laufen
- wir sind gespannt!
(Bild: D. Brandner - NHM Wien)
Messstellen mussten gefunden und vermessen werden. Wir entschieden uns dafür die Messtrecken im Kaiserin Christina Stollen und im Kaiser Josef Stollen auszulegen und den Bereich zwischen den beiden Stollen zu messen. Falls das gelingt, sollten wir einen Querschnitt durch den oberen Teil der Fundstelle mit der Stiege und ihren weiteren Verlauf nach oben bekommen.

Es musste auch das Messprogramm neu konfiguriert werden, wofür extra ein Kollege aus Griechenland „eingeflogen“ wurde. Wir haben in der letzten Woche über 200 Löcher in die Stollenwände gebohrt, um die Elektroden im Gestein verankern zu können.

In beiden Stollen wurde im Abstand von 4 Metern auf einer Länge von 400 Metern Löcher mit 20 bis 80 cm Tiefe gebohrt. Und seit gestern werden die Elektroden in den Löchern fixiert, an den Elektroden die Messkabel angebracht und diese dann endlich mit dem neu konfigurierten Messgerät verbunden.

Der erste Testlauf verlief positiv. Jetzt werden die Messanordnungen jeden Tag geändert und zig unterschiedliche
Das Team des ORF filmt die Herstellung
von Leuchtspänen...
(Bild: H: Reschreiter - NHM Wien)
Messungen vorgenommen – bis Freitag soll dieser erste großflächige Test abgeschlossen sein – und dann beginnt erst das große Warten. Dann hängt es davon ab, ob die vielen Einzelmessungen zu einem Gesamtbild vereint werden können und die Messwerte eine Interpretation zulassen.

Auch rundherum ist wieder viel los. Neben der alltäglichen Grabungsarbeit war die letzten zwei Tage ein Team des ORF bei uns am und im Salzberg, um unsere Forschungsarbeit für je einen Beitrag in den Formaten "Nano" und "Newton"
...und Ziegensäcken nach eisenzeitlichem Vorbild
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)
aufzunehmen.

Einer der Schwerpunkte liegt hierbei auch auf den von uns durchgeführten Experimenten, wie die Herstellung von Leuchtspänen und die Rekonstruktion der eisenzeitlichen Ziegensäcke unseres Lederexperten Daniel Breineder.

Den Termin der Ausstrahlung geben wir natürlich rechtzeitig bekannt. Wir sind gespannt.


von Hans Reschreiter und Fiona Poppenwimmer

Donnerstag, 15. September 2016

Hut, Stock, Ziegensack - Eine Wanderung auf alten Spuren

Die Rekonstruktion des Ur-Rucksacks
ist einsatzbereit
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)
Es ist inzwischen meine 4. Woche am Salzberg in Hallstatt. Die Arbeit ist abwechslungs- und ereignisreich. Egal, ob bei der Ausgrabung im bronzezeitlichen Bergwerk oder an der Waschanlage bei der Suche nach Funden, zu tun gibt es immer etwas. Und so hat sich auch die Fertigstellung des eisenzeitlichen Rucksackes nicht zuletzt durch kurze Krankheit verzögert.

Verärgert über den Umstand, im Bett bleiben zu müssen, lese ich in meinem liebgewonnen Buch „Salz - Reich: 7000 Jahre Hallstatt“. Neben den Abhandlungen zu den archäologischen Befunden, richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Kapitel Forschungsgeschichte, die in Hallstatt eine lange Tradition hat und hochinteressant ist.

Beim Durchforsten der diversen Lebensläufe früherer Hallstattforscher stoße ich auf Friedrich Morton. Friedrich Morton (1890 – 1969) unternahm als Biologe und Archäologe in den 20er und 30er Jahren zahlreiche Auslandsreisen, unter anderem nach Venezuela, Guatemala und Ägypten.  Als „zuagroaßter Hallstätter aus Passion“ beschrieben, der jede freie Minute nutzte, um nach Hallstatt zu kommen, schmunzle ich über ein Foto von ihm, auf dem er mit Hut und Hosenträgern bei der Jause sitzend zu sehen ist.


Ich komme nicht umhin, mir auch seinen Jagdrucksack anzusehen, und mir fällt auf: dieser Trageriemenbefestigung kommt mir irgendwie bekannt vor. Nach kurzer Recherche wird klar: diverse hallstattzeitliche Ziegensäcke sind an ihren Fußenden in ähnlicher Weise zu einer Art Knebel  zusammengebunden. 
Friedrich Morton bei der Rast
während einer Almwanderung
(Bild: Museum Hallstatt)
Dem Bett wieder nach wenigen Tagen wieder gesund entstiegen, mache ich mich mit Handwerksfreude und Wanderlust auf, den Rucksack in ähnlicher Weise fertigzustellen, denn Trageriemen fehlen beim Fund leider vollständig. Der Rohhautrucksack ist nun, noch eingesalzen und nicht vollkommen trocken, für einen ersten Testlauf einsatzfähig!

Die Wanderung folgt am Wochenende. Ich bepacke meinen Rucksack mit Regenjacke, Weste, Ersatzhemd, Proviant (anstelle einer Spanschachtel dient eine Packung Eckerlkäse), einen Liter Wasser und einem Notizbuch. Um nicht alles mit Ziegenduft zu parfümieren, tue ich diese zuvor allerdings in einen Plastiksack.

Es geht auf in Richtung Dammwiese, wo Morton zuletzt 1937 auf späteisenzeitliche Überreste gestoßen ist. Rücken an Rücken marschiere ich mit der Ziege auch gerne etwas abseits der Pfade durch Wälder und mache leichtere Kletterpartien. Bei einigen kleineren Pausen öffne und schließe ich den Rucksack und verändere die Riemenlänge. Nach und nach gewöhne ich mich an dieses ungewöhnliche Behältnis, das, zu meiner großen Überraschung, gemütlicher und praktischer ausfällt, als ich zunächst annahm.

Auf meinem weiteren Weg in Richtung Durchgangsalm, treffe ich auf neugierige Radfahrer in modernster Outdoorausrüstung. Sie bleiben kurz stehen, um mich nach meinem ungewöhnlichen Behältnis am Buckel zu befragen. Ich unterbreche meine Wanderung und stehe ihnen Rede und Antwort.  
Erste Wanderung mit dem
Ziegensack
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)

Vor einem steilen Aufstieg mache ich Jausenpause auf einer Almwiese. Das Wetter ist weiterhin stabil und
angenehm sonnig, außer mir kein anderer Mensch. Über eine alte Holzhütte blicke ich auf den schönen Dachstein. Dass Morton gerade hier gerne geforscht hat, kann ich gut verstehen. Auch ich bleibe an den Wochenenden lieber hier, als zurück nach Wien zu fahren. Ich komme nach kurzer Anstrengung auf ein Hochplateau.

Abwechselnd komme ich an kleinen Scharen von Rindern und Pferden vorbei. Am Ende ein weiter Ausblick auf Almhütten und eine große Schafherde in einiger Entfernung. Der Klang von Kuhglocken war über dem ganzen Plateau wahrzunehmen.  Auf dem Rückweg gönne ich mir noch ein paar kleinere Rutschpartien über steile Wiesen und etwas Waldboden. Auch hier versagt mir meine Rekonstruktion nicht.

Kurz vor Ende meiner Wanderungen – wie schnell doch 6 Stunden vergehen - mache ich nochmals auf der Dammwiese halt. Etwas müde blicke ich auf den neben mir stehenden Ur-Rucksack, der mir heute gute Dienste geleistet hat. Noch ist es zu früh, mit Bestimmtheit zu sagen, ob die Abnutzungserscheinungen der Rekonstruktion mit dem Original übereinstimmen werden. Doch eines ist gewiss: nicht schlecht, so ein Ziegensack!
von Daniel Breineder
Das Panorama der Dachstein Region um Hallstatt hat schon so manchen begeistert
(Bild: D. Breineder - NHM Wien)