Donnerstag, 4. Mai 2017

Alte Technik, neu entdeckt - Form und Verzierung der Spanschachtel

Der gebogene Eschenspan muss in dieser
Form trocknen. (Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Mit dem gewonnenen Rohmaterial geht es nun an die nicht weniger aufwendige Herstellung der eigentlichen Spanschachtel.

Um ihr eine Wand, eine sogenannte Zarge, zu geben muss ein einzelner Jahrring oval oder rund gebogen werden, sodass er der Schachtel ihre charakteristische Form verleiht.
Damit die Eschenspäne gebogen werden können, werden sie in Wasser erhitzt, womit dem Holz plastische Eigenschaften verliehen werden, ohne es brechen zu lassen. Dafür kochte ich es für wenige Minuten „al dente“ und beginne freihändig und vorsichtig die ovale Form zu biegen. Wenn ich merke, dass das Holz nicht weiter nachgibt, wird es an den nötigen Stellen erneut im kochenden Wasser erhitzt. 


Die Enden des Spanes werden mit Wurzeln
zusammengenäht. (Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Auf diese Weise erhalte ich die gewünschte Krümmung und fixiere die Wand an der entstehenden Überlappung mit Lederriemen oder Klemmen, um das Holz über Nacht trocknen zu lassen und somit die Form beizubehalten.
Die beiden Enden des Spans binde ich, wie bei den Originalen aus Hallstatt, im Kettstich oder Stielstich. Als Nähmaterial dienen mir dünne Fichtenwurzeln, die in gespaltenem Zustand einen Durchmesser von nur zwei bis drei Millimetern aufweisen.


Was jetzt noch fehlt ist der Boden. Dieser wird aus einem Nadelholzbrett, z.B. Tannen- oder Fichtenholz, zugeschnitten und an die ovale Form der Schachtelwand angepasst. Die Größe richtet sich nach den Originalböden und liegt in etwa zwischen 9 und 22 cm. 

Genähte Seitenwand, verbunden mit dem Boden
der Spanschachtel (Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
An den Boden bringe ich, wie bei den gefundenen Stücken, eine Ausnehmung zur Aufnahme der Überlappung der Seitenwand an, um ihre ebene Form beizubehalten. Wand und Boden werden mit Holznägeln verbunden, die in vorgestochene Löcher im Boden gedrückt werden.

Alle bisher gefundenen Spanschachteln aus Hallstatt weisen Ritzverzierungen auf. Die Motive sind schraffierte Dreiecke, Rauten und senkrechte, schraffierte Bänder. Die Tatsache, dass die Schachteln alle verziert sind lässt vermuten, dass es sich nicht nur um „simple“ Verpackungsobjekte handelte, sondern um Objekte, die schön anzusehen sein sollten.

Feine Ritzverzierung nach Vorbild der
Originalfunde (Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Die Außenseite der Schachtelwand habe ich bereits zuvor mit einer Ziehklinge geglättet und zeichne nun die Verzierungsmuster schwach vor. Anschließend ritze ich diese mit einer metallischen Ahle in die Außenseite der Schachtelwand. 

Das Ritzen der Muster gehört zu den langwierigsten Arbeiten bei der Spanschachtelanfertigung, aber auch zu den schönsten, die ich jedes Mal sehr genieße.

Die ausgesprochen feinen Ritzverzierungen werden mit häufigerer Benutzung der Spanschachteln (und dem damit verbundenen Schmutz, der an der Schachtelwand haften bleibt) immer deutlicher hervortreten. Für diese Benutzung sind die ersten Rekonstruktionen jetzt bereit und harren ihrer weiteren Verwendung.

von Eike Mahrdt und Fiona Poppenwimmer
Fertige Rekonstruktion einer eisenzeitlichen Spanschachtel aus dem Salzbergwerk Hallstatt.
(Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)

Donnerstag, 20. April 2017

Alte Technik, neu entdeckt - Eine Spanschachtel entsteht



Eine der Spanschachteln aus der Älteren
Eisenzeit des Hallstätter Salzbergwerkes
(Bild: A.W. Rausch - NHM Wien)
Echte Spanschachteln, aus einem gebogenen Holzspan mit angenageltem oder angenähtem Boden, sind seit der Bronzezeit in geringer Fundzahl bekannt.
Der bedeutendste prähistorische Fundkomplex an Spanschachteln in Europa stammt aus Hallstatt und datiert in die Ältere Eisenzeit. 

Dabei waren Spanschachteln als Verpackung bis vor kurzem ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Sind die neuzeitlichen Stücke aus Mitteleuropa aus Nadelholz gefertigt, bestehen die eisenzeitlichen Fundstücke aus Eschenholz, genauer gesagt aus je einem einzigen Jahrring. Diese lassen sich allerdings nur durch eine Technik gewinnen, die in der Welt nur an insgesamt drei Stellen bekannt ist.  

Frisch geschlagener Eschenholzstamm
(Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Um diese Methode vor dem Aussterben zu bewahren, zu erhalten und besser zu begreifen kommt wieder einmal die experimentelle Archäologie ins Spiel. 

Dabei sollen Haltbarkeit und Belastbarkeit der eisenzeitlichen Spanschachteln, sowie der Aufwand zu ihrer Herstellung getestet, Anschauungsobjekte geschaffen und ein Einblick in etwaige Handwerkstechniken gewonnen werden.

Begonnen wird mit dem Fällen von Eschen mit geradem Wuchs. Der Stammabschnitt, der verwendet werden soll, sollte keine Äste aufweisen und einen Durchmesser von wenigstens zehn Zentimetern haben, da die Jahrringe dann flacher ausfallen und breitere Streifen gewonnen werden können. Stammsegmente von maximal 60 Zentimetern reichen aus, um auch die größten Spanschachteln aus Hallstatt rekonstruieren zu können. 

Durch Klopfen des radial gespaltenen Scheites...
(Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Die Suche nach geeigneten Bäumen erwies sich als detektivische Arbeit, da in einigen Gegenden Österreichs das Eschensterben so weit fortgeschritten ist, dass kaum noch geeignete Bäume gefunden werden können. 
Das Eschensterben wird ausgelöst durch einen Pilzbefall der Bäume, der zum Austrocknen der befallenen Bäume führt. 

Eigene Experimente mit befallenem Holz und welchem, das im Winter gefällt wurde haben gezeigt, dass das Material nicht feucht genug ist, um die Jahrringe einfach und ohne größere Schäden voneinander trennen zu können. Oftmals entstehen beim Klopfen von trockenem Holz Risse in den Jahrringen. 

Im Frühjahr oder Frühsommer gefälltes ist hingegen so feucht, dass es biegsamer ist und dadurch weniger riss- und bruchanfällig. Daher zieht es mich im Frühjahr in den Wald, getreu dem Motto: „Wenn der Saft steigt, entsteht eine Schachtel“. 

...spaltet sich das Holz in seine Jahrringe auf.
(Bild: E. Mahrdt - NHM Wien)
Die gewonnenen Spansegmente werden radial mit einem Beil zu schmalen Sektoren gespalten, die wiederum mit einem Hammer auf einer harten Unterlage – einem Amboss oder Holzklotz – geklopft werden. 
Dadurch werden die großen Frühholzgefäße der Esche zerdrückt und die Späne lösen sich nach Jahresringen ab.
 
So weit, so gut. Das Rohmaterial ist gewonnen, dann kann es an die aufwendige Verzierung und Herstellung der eigentlichen Spanschachtel gehen. Doch dazu nächste Woche mehr.

von Eike Mahrdt, Fiona Poppenwimmer und Hans Reschreiter

Donnerstag, 16. März 2017

Kaffee und Kupfer


Lappen- und Tüllenpickel im
Vergleich (Bild: F. Poppenwimmer
NHM Wien)
Vor nicht ganz 9 Monaten trafen wir uns im Naturhistorischen Museum zum Kaffee mit Hans Reschreiter. Doch statt Kuchen lagen vor uns auf dem Tisch zwei bronzezeitliche Tüllenpickel aus Kupfer. Eine schwere aber reizvolle Kost. Die Fragen, um die sich der Kaffeeklatsch drehte: 

Wie wurden diese Tüllenpickel produziert und warum wurden in Hallstatt Lappenpickel anstatt der bewährten Tüllenpickel eingesetzt?

Denn im Bergbau der Bronzezeit, um 1200 v. Chr., waren im Alpenraum allgemein Pickel mit Tüllenschäftung im Gebrauch. Einzig die Hallstätter Bergleute verwendeten schwere Lappenpickel, die obendrein wesentlich komplizierter zu gießen waren.
Eine Reihe von Versuchen sollte erst das Produktionsverfahren und in weiterer Folge auch die praktische Anwendung dieser unterschiedlichen Geräte testen, um Vergleiche für die Forschung ziehen zu können.


Jetzt, neun Monate später, sitzen wir wieder bei Kaffee und Kupfer. Diesmal gesellen sich zu den Originalen fünf gelungene Nachbildungen und auch einige fehlgeschlagene Güsse.
Ein Tüllenpickel sticht besonders ins Auge. Er besteht aus einer 9%igen Bronzelegierung, welche für Werkzeuge ideale Materialeigenschaften besitzt und liegt schön glänzend zwischen seinen kupfernen Verwandten. Er soll einen Vergleich ermöglichen und Antworten aufzeigen, warum die originalen Tüllenpickel aus Kupfer produziert wurden und nicht aus Bronze.


Die gelungenen Rekonstruktionen neben dem
Original (Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Der Weg dieser Nachbildungen war ein erkenntnisreicher, immerhin mussten neun Güsse durchgeführt werden, um fünf einsatzfähige Tüllenpickel zu produzieren. Die ersten vier Güsse sind fehlgeschlagen, die Tülle war durch Lufteinschlüße unvollständig. 
Die folgenden fünf hingegen waren erfolgreich. Die Ausbildung der Tülle, die eine große Schwierigkeit beim Guss darstellt, war gelungen. Durch Sandsteinformen und einen kupfernen Dorn, der mit Ton geschlickert wurde, konnte das Problem der Lufteinschlüsse gelöst werden. 

Insgesamt wurden 60 Stunden Arbeitszeit, 10kg Kupfer, 3 Sandsteinformen und 100kg Holzkohle aufgewendet, um die Tüllenpickel zu produzieren. Ausgehend von den beiden Originalstücken wurde durch Anwenden der Methodik der Experimentellen Archäologie eine Möglichkeit der Herstellung von Tüllenpickeln nachempfunden. 

Die Gußversuche im Museum
MAMUZ, Asparn an der Zaya
Die Experimentelle Archäologie hat letztendlich zwar keinen Beweischarakter, ist jedoch gut geeignet unsere Vorstellungen von den technischen Möglichkeiten unserer Vorfahren auf eine lebensnahe Basis zu stellen und unsere Erklärungen und Interpretationen zu überprüfen.

Die Vorversuche fanden in der Werkstatt des Arbeitskreises für Experimentelle Archäologie in Wien statt. Um möglichst viel von der lebensnahen Basis der bronzezeitlichen Gießer zu haben, wählten wir als Durchführungsort des eigentlichen Experimentes das Freilichtmuseum Asparn an der Zaya

Die Zusammenarbeit mit dem Museum erwies sich als gute Wahl. In der experimentellen Schmiede führten wir unsere Gussexperimente öffentlichkeitsnah durch und knüpften gute Kontakte zu einigen Besuchern und den Museumsmitarbeitern. Die Arbeit im Museum führte auch dazu, dass eine Gruppe Filmstudenten mit uns eine Dokumentation über unser Gussexperiment drehte.
 
Einige Fehlgüße mit unvollständiger Tülle
(Bild: F. Poppenwimmer - NHM Wien)
Abgeschlossen ist unser gemeinsames Projekt noch lange nicht, nun freuen wir uns  auf die weiteren Arbeiten. Die Tüllenpickel müssen noch überarbeitet und geschäftet werden, um im Hallstätter Salzberg für Abbauversuche gewappnet zu sein. Der Einsatz als Werkzeug schließt den Kreis, der beim Rohmaterial beginnt und beim Verwerfen des Werkzeuges endet. 

Doch wo ein Kupferwerkzeug verworfen wird, kann es neu gegossen werden und der Kreislauf beginnt erneut. Diesen Kreislauf nachzustellen bringt uns näher an die Lebensbedingungen der Menschen heran und führt zu einem neuen Verständnis von Geschichte.
Ebenso werden alle unseren gesammelten Daten und Erkenntnisse in Form eines Artikels zusammengefasst und veröffentlicht. 
Auch von den weiteren Abbauversuchen wird, sobald es so weit ist, berichtet werden. Wir freuen uns auf ein Wiederlesen.

von Michael Konrad, Marcel Lorenz und Stefan Stadler



Donnerstag, 15. Dezember 2016

Im Rampenlicht

Dreharbeiten des ORF in der archäologischen
Werkstatt... (Bild: H.Reschreiter - NHM Wien)
Manch einem mag es aufgefallen sein: die Hallstattforschung ist recht häufig in den Medien vertreten. Alleine letzte Woche im ORF, gestern auf 3Sat, heute online auf derstandard.at.

All diese Beiträge haben eines gemeinsam, sie versuchen auf die Besonderheiten der Hallstattforschung aufmerksam zu machen. Dazu zählt neben vielen anderen Dingen vor allem auch die Zusammenarbeit vieler verschiedener Disziplinen, weit über die Archäologie hinaus.

Natürlich ist es nicht immer leicht, alle Themen, die man transportieren möchte, in einem - mehr oder weniger - kurzen Beitrag unterzubringen. Sei es in Fernseh- und Radiobeiträgen, Artikeln in Online- oder Printmedien, in Blogposts oder Publikationen und Vorträgen. Dabei sollte die Information nicht nur kompakt, sondern auch noch unterhaltsam, interessant und verständlich verpackt sein. Eine Aufgabe, die uns manchmal ziemlich Kopfzerbrechen bereitet.

Umso schöner sind Veranstaltungen, wie die im Sommer stattfindende "Archäologie am Berg", bei der man Interessierten Auge in Auge gegenübersteht und die Begeisterung für das Forschungsgebiet auch in längeren Gesprächen ausdrücken kann.

Die Öffentlichkeitsarbeit der Hallstattforschung ist dabei kein reiner Eigennutz, um die eigene Arbeit ins rechte Licht zu rücken, sondern wird auch als Verpflichtung verstanden. Da die Forschung durch öffentliche wie private Hand, in diesem Fall der Salzwelten GmbH, finanziert wird, sollten sowohl die Investoren, als auch die Öffentlichkeit die Möglichkeit haben, deren Fortschritt und Erkenntnisgewinn mitzuverfolgen.

Gleichzeitig kann nur über eine ausführliche Öffentlichkeitsarbeit das Verständnis für Kultur, Geschichte und die Erforschung einer Region gefestigt werden. Denn nur was verstanden wird und interessiert, wird geschützt und bewahrt.
von Fiona Poppenwimmer und Hans Reschreiter

...und unter freiem Himmel am Hallstätter Salzberg. (Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Wie alles begann...


Diesen Titel einer aktuellen Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum in Wien nehme ich zum Anlass, über die Anfänge der Grabungen im Salzbergwerk Hallstatt zu plaudern. Seit ich vor 16 Jahren die Leitung dieses archäologischen Abenteuers an Hans Reschreiter übergeben habe, hat sich viel verändert.
Gustav Mahr beim Freilegen des ersten Tragsackes
(Bild: F.E. Barth - NHM Wien)
Dabei waren die Anfänge mehr als bescheiden. Zunächst nur durch Subventionen des Bundesdenkmalamtes finanziert, dauerten die ersten Kampagnen gerade einmal zwei bis drei Wochen. Gegen Refundierung der Kosten wurden ein bis höchstens vier Bergleute unter Aufsicht des zuständigen Reviersteigers von der Betriebsleitung des Bergwerkes zur Verfügung gestellt.

Damals, in den frühen Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, waren auch die Möglichkeiten der Salinenverwaltung sehr eingeschränkt. Ich erinnere mich, dass es nicht möglich war, der Grabung eine Schiebetruhe zur Verfügung zu stellen und vom Museum eine angekauft werden musste.

Während der ersten Kampagne wurde noch im Tal gewohnt – im Konsumgasthof wo heute die Tauchschule Zauner untergebracht ist. Über dem daneben liegenden Konsumsaal – dem heutigen Sportgeschäft Janu – befand sich das Matratzenlager. Die Leitung der zweiten Kampagne, die März/April 1963 durchgeführt wurde, lag in den Händen von W. Angeli, der es trotz winterlicher Verhältnisse vorzog, im Salzbergtal zu wohnen. Das bedeutete immerhin eine Stunde länger schlafen, weil die Grubeneinfahrt über den Schacht etwa so lange dauerte. Grabungsquartier war ein Raum im Steigerhaus mit Herd, einem Tisch mit vier Sesseln und einem Bett. Um es etwas wohnlicher zu haben, habe ich im nächsten Jahr Vorhänge und einen Lampenschirm privat angeschafft.

Da ich mich in der Abgeschiedenheit des Salzbergtales selbst versorgen musste – die Anfänge meiner Kochleidenschaft -  habe ich ein paar Teller, Besteck, eine Pfanne und einen Topf auf Grabungskosten angekauft – mit ungeahnten Konsequenzen. Der Ankauf musste dem Denkmalamt gegenüber ausführlich begründet werden um den Verdacht der zweckwidrigen Verwendung der Fördermittel zu entkräften. Nach jeder Saison musste alles – in einer Schachtel verpackt – auf dem Dachboden verstaut werden.

Um die Fremdenbefahrung nicht zu behindern, musste die Grabung nach Ende der Saison durchgeführt werden. Das bedeutete, dass die Seilbahn nur für Betriebsfahrten zur Verfügung stand – und am Wochenende überhaupt nicht.

Im Jahre 1974 erfolgte ein Quantensprung der Grabungen in Hallstatt. Der verfallende Stall des Häuerhauses wurde von mir privat gepachtet und instand gesetzt. In den folgenden Jahren stand er als Grabungsquartier zur Verfügung. Allerding hatten wir kein elektrisches Licht und keine Duschen, aber das wurde in Kauf genommen.

Die Hütte Barth im Schatten des Häuerhauses (Bild: G. Mahr)
Hatte ich bis 1980 alleine die Grabungen geleitet, die Funde versorgt und die Dokumentation besorgt, so bekam ich ab dann große Unterstützung durch Gustav Mahr. Auf den Spuren seines Vaters Adolf, der 1926 die erste moderne Grabung im Bergwerk durchgeführt hatte, war er nach Hallstatt gekommen.

Und er sollte bis 1993 unersetzlicher Teil der Grabungsmannschaft bleiben – und das unentgeltlich. Die Bedingungen habe ich in einem Brief vom 31.7.1981 so formuliert: "Harte Arbeit ohne Lohn, bescheidene Unterkunft, mäßiges – dafür ungesundes weil fettreiches - Essen , schöne Gegend aber schlechtes Wetter. Wenn Sie trotzdem kommen wollen, sind Sie selber schuld." Gustav kam und wurde zu einem wertvollen Mitarbeiter und väterlichen Freund.


Im Jahre 1984 erfolgte der nächste Quantensprung der Hallstattforschung vor Ort. Die Finanzierung durch Drittmittel war allgemein üblicher geworden und es gelang ein Projekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung zu realisieren, tatkräftig unterstützt durch Steiger H. J. Urstöger und Betriebsleiter M. Hoscher. Das Grünerwerk, eine seit 1911 bekannte Fundstelle des bronzezeitlichen Bergwerkes, wurde wieder zugänglich gemacht und soweit abgesichert, dass in den folgenden Jahren Forschungsgrabungen möglich waren.

Der dadurch enorm gesteigerte Arbeitsanfall konnte nichtmehr von mir alleine bewältigt werden und es mussten Studenten des Faches Ur- und Frühgeschichte angeworben werden, die als Praktikanten von der Saline angestellt wurden.
Der nächste große Schritt erfolgte im Jahre 1995, als es gelang, den oberen Stock des Maria-Theresia-Mundlochgebäudes als Grabungsquartier zu erobern. Nach der Adaptierung durch die Saline erfüllte es mit Badezimmer, Wohnküche, Schlafraum mit acht Betten, Chefzimmer und zwei Räumen für die experimentelle Archäologie alle unsere Träume. Meine private Hütte wurde entlastet und die Weichen für die weitere, von mir unabhängige Entwicklung waren gestellt.

Aufgrund meiner bevorstehenden Pensionierung stand die Grabung 2000 schon unter der Leitung von Hans Reschreiter, der seit 1989 Mitglied der Grabungsmannschaft war.
Da ich seit damals die Freude habe, die Grabungsmannschaft in unserer Hütte zum Nachtmahl zu begrüßen, bin ich über die Entwicklungen bestens und aus erster Hand informiert. Mit Freude und Genugtuung sehe ich, wie sich die Grabungen unter Hans weiterentwickelt haben und heute mit modernsten Methoden und in nie erhofftem Umfang weitergeführt werden.
von Fritz Eckart Barth

Das Steigerhaus am Hallstätter Salzberg - erstes Grabungsquartier im Hochtal
(Bild: H. Reschreiter - NHM Wien)

Mittwoch, 9. November 2016

Schwein gehabt! On Screen

Endlich ist es so weit! Das im September 2015 gefilmte Material zum Kochen und Essen des Hallstätter Ritscherts ist fertig geschnitten, bearbeitet und wird am 20.11.2016 im Rahmen der Sendung "Unter unserem Himmel" des Bayerischen Rundfunks um 19:15 Uhr ausgestrahlt.

Matthias Supé schlägt in der Folge mit dem Titel "Kochgeschichten - Rund um den Kochlöffel" den Bogen vom zweieinhalbtausend Jahre alten Kochlöffel aus Hallstatt, zu modernen Köchinnen und Köchen, die auch gerne auf traditionelle Geräte zurückgreifen, bis hin zu kuriosen Sammlerstücken.
Die Spannung steigt, wer vorher nochmal zu den Dreharbeiten und dem Versuch dahinter nachlesen möchte, findet hier den Blogpost "Schwein gehabt!".

 von Fiona Poppenwimmer

Die Dreharbeiten des Bayerischen Rundfunks zum Ritschert aus Hallstatt
(Bild: M. Grabner - NHM Wien)

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Auf Ramsauers Spuren - Anno domini 1846



Übersichtszeichnung der Gräber aus
Ramsauers "Protokollen" (NHM Wien)
Im November 1846, also vor genau 170 Jahren, wurde erstmals der Friedhofcharakter des Gräberfeldes Hallstatt erkannt. Obwohl schon lange vor Johann Georg Ramsauer im Salzbergtal über Hallstatt prähistorische Gegenstände geborgen wurden, ja sogar systematisch nach ihnen gesucht wurde, gilt er als der eigentliche Entdecker des Gräberfeldes. 

In seinem, in zahlreichen Abschriften erhaltenen Grabungsbericht, den sogenannten Protokollen, schreibt er darüber:

Der Verfasser kam auf dieselbe Weise, nähmlich durch Öffnung einer Schottergrube im November 1846, womit ein zerstörtes Sckelet gefunden, zur Aufdeckung des Leichenfeldes, und zwar damit, dass er gleich im seinem Beisein und mit aller Sorgfalt einen Flächenraum von 4 Klafter aufgraben ließ, womit er nach einiger Zeit so glücklich war, gleich sieben Sckelete mit einigen Schmucksachen zu treffen, und bald darauf sah er zugleich durch die Lage der Sckelete, die alle in zimlich gleicher Richtung, das Gesicht gegen Sonnenaufgang gewendet, durch die gestreckte Lage des Körpers, die Hände nach dem Leib oder an der Brust einen ordendlichen Begräbnisplatz erkennen ließ, und so forschte der Verfasser noch
eifriger fort.
Originalzeichnung der Gebrüder
Lindenschmit und die Kopie, die
Ramsauer anfertigen ließ (NHM Wien)
Es folgten 18 äußerst erfolgreiche Grabungsjahre mit sensationellen Funden, die bekanntlich dazu führten, dass eine ganze prähistorische Kultur Hallstattkultur genannt wird. Aber es war kein Zufall, dass Ramsauer den „Altertumsfunden“ gegenüber eine andere Einstellung hatte, als seine Vorgänger. 

Am 26. Juni 1846 hatte die k. k. oberennsische Landesregierung eine Kundmachung veröffentlicht, in der der Umgang mit archäologischen Funden geregelt wurde. Als Bergmeister war Ramsauer k. k. Beamter und hatte daher unmittelbaren Zugang zu amtlichen Erlässen und war zu deren Beachtung verpflichtet.

In den ersten Jahren wurde Ramsauer vom Linzer Museum Francisco Carolinum, dem heutigen Oberösterreichischen Landesmuseum, betreut. Bereits im Sommer 1847 wurde der „ständige Registrant“ Georg Weishäupl nach Hallstatt geschickt. Dieser war offensichtlich sehr erfahren und ein guter Zeichner. Von ihm hat Ramsauer wohl die Art seiner Dokumentation gelernt.

Beispielgebend wurde bald das wegweisende  Werk der Gebrüder Lindenschmit, "Das germanische Todtenlager bei Selzen in der Provinz Rheinhessen", das 1848 erschienen ist. Offensichtlich war der Erwerb eines Exemplares für Ramsauer unerschwinglich und er ließ eine
handschriftliche Kopie anfertigen. Um fünf Gulden konnte die Prähistorische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien aus dem Nachlass Ramsauers von dessen Schwester diese Abschrift erwerben.

Bemerkenswert ist, dass auch die Darstellungen der Grabsituationen penibel kopiert wurden. Unverkennbar ist die Vorbildwirkung der farbigen Abbildungen für Ramsauers Dokumentation. Einer seiner wichtigsten Mitarbeiter, Isidor Engl, der die Arbeit Ramsauers nach dessen Pensionierung weiterführte, war ein sehr begabter Schüler.

Obwohl er nicht der Einzige war, der im Auftrag Ramsauers Zeichenarbeiten ausführte, ist nur er im Bewusstsein der wissenschaftlichen Nachwelt verankert.

von Fritz Eckart Barth

Kundmachungen der k.k. oberennsischen Landesregierung (NHM Wien)